Lindsay Anderson (Großbritanien, 1973)

Was mich doch sehr verwundert, wie selten doch Lindsay Andersons Meisterwerk "O LUCKY MAN!" (deutsch: „Der Erfolgreiche“) an die Oberfläche geholt wird. Bisher fiel in keinem Filmforum ein Wort darüber, oder ich habe zu ungenau gesucht. Auch sonst wird über den Film hinweggesehen; ich nehme stark an, dass er zu seiner Zeit einen großen Stellenwert hatte. Ein Kult drum herum, der bis heute andauern könnte, blieb aus. Unverständlich.

Was mich doch sehr verwundert, wie selten doch Lindsay Andersons Meisterwerk "O LUCKY MAN!" (deutsch: „Der Erfolgreiche“) an die Oberfläche geholt wird. Bisher fiel in keinem Filmforum ein Wort darüber, oder ich habe zu ungenau gesucht. Auch sonst wird über den Film hinweggesehen; ich nehme stark an, dass er zu seiner Zeit einen großen Stellenwert hatte. Ein Kult drum herum, der bis heute andauern könnte, blieb aus. Unverständlich.
Dabei ist es ein solch wichtiger Film; einer der dem Zuschauer das Herz herausreißt und darauf herumspringt. Ein Film, dessen glühend pulsierende Story alles dem Erdboden gleichmacht. Ein Film, der schockiert, kritisiert, belächelt, zum lachen reizt, die Augen öffnet, das Hirn lüftet und mit neuen Ideen und Erfahrungen füllt. In keinem anderen Film gab es ein solch perfektes Zusammenspiel von Bildern und (Rock)Musik, die sogar in einander überlaufen und zum Gesamtkonzept werden (Hut ab vor Alan Prices großartiger Songs; dessen Soundtrack ich gerade im Auto habe). Und selten in einem Film hat der Teufel so deutlich und greifbar gesungen und getanzt. Ein Film der dir den Mittelfinger zeigt und eins in die Fresse haut; gleichzeitig so viele herzhafte Momente bereithält. Und wäre das alles nicht schon genug; seine wahre Stärke liegt darin, den Zuschauer permanent in die Irre zu führen; in jeder kommenden Szene muss man auf das unmöglichste gefasst sein. Ständig starke Plots, die den Protagonisten immer tiefer in die Hölle jagen.
Malcolm McDowell, der arme Hund, Zielscheibe, Opfer, wie ein Irrer landet er von einer Perversion in die nächste. McDowells Charakter erinnert ein wenig an seinen in „Clockwork Orange“; für mich ist jedoch „O LUCKY MAN!“ noch um einiges interessanter und bewusstseinserweiternder. Jedenfalls zur Zeit. Sogar McDowell selbst findet seine Zusammenarbeit mit Linday Anderson als das beste, was er je gemacht hat. Und vor allem ist das ein Film, den ich viel zu spät entdeckt habe (genauso wie seinen Vorgänger „IF“) Dieser Film ist des Teufels filigranster Tanz. Das beste seit langer Zeit.
Kann es etwas schöneres geben als die Erinnerung an „La Dolce Vita“ auferleben zu lassen, dazu Anita Ekberg einen Besuch abzustatten, die inzwischen die Ausstrahlung einer in die Jahre gekommenen Atombombe hat? „Sie sieht umwerfend aus, wie ein Gladiator.“ Wie Mastroianni selbst bemerkt. Dann die durch einen Zauber geschaffene Leinwand aus einem Lacken und die darauf projizierten, klassischen Dolce Vita-Szenen; unter diesen Verhältnissen noch effektiver als das Original. 
Tornatore möchte jedes Mal ein Fellini sein, weiß aber anscheinend nicht, dass es ein Ding der Unmöglichkeit ist. Träumen kann er weiterhin davon, denn gerade diese Wunschvorstellung, das Fellineske zu erstreben, zeichnet seinen Film aus.
Eine Kriegszone nennt Tim Roth seinen Film; das ist eine Untertreibung, denn hier werden die ganz harten Geschütze ausgefahren. Kindermisshandlung, Vergewaltigung, Schmerz, Leiden und Selbstverstümmelung und alles so authentisch, dass mir schlecht wurde. Der alte Kriegsbunker, in dem sich die bestialischen Dinge abspielen und in dem sich unsere Protagonisten am Ende von der restlichen Welt abschirmen, umschließt in Wirklichkeit den gesamten Film. Es ist lediglich ein Bunker im Bunker, denn draußen ist es nicht viel angenehmer; angefangen bei dem Wetter, das mit seinem ewigen Wind die musikalische Untermalung minimalisiert. Zu Recht, denn das Pfeifen hat mehr Tiefe als jedes so mühevoll eingesetztes musikalisches Thema; auch wenn das dezente Klaviergeklimper einen zusätzlichen Beitrag zum seelisch-geistigen Tief eines jeden Zuschauers hat. Und sonst? Eine Vergewaltigung wie ich sie noch nie im Film gesehen habe, der Mord am Vater als Racheakt, dessen Messerstoß ich in meinem eigenen Bauch fühlte und überhaupt so widerlich kranke und perverse Charaktere. Aber sehr malerische Landschaftsaufnahmen; eine gespenstige Farbigkeit der tristen britischen Insel in wunderschönen Motiven eingefangen, vordergründig durch die einzelnen Bäume mit ihren dynamischen Neigungen, in dieser so leeren Gegend.