10. Januar 2013

TAKING OFF

Miloš Forman (USA, 1971)
Miloš Forman verließ zur damaligen Zeit die Tschechoslowakei und setze mit „Taking Off“ den ersten Fuß auf den amerikanischen Boden. Was dabei mit diesem Film ins Rollen gebracht wurde, ist beinahe schon beängstigend, wenn man sich vergegenwärtigt, dass jemand, der bis dahin in die amerikanische Kultur und Lebensweise nur kurz hineinschnuppern konnte, bereits mit seiner ersten Produktion auf dem neuen Kontinent, einen dermaßen reifen und entblößenden Blick auf die USA werfen konnte; vermutlich entblößender als es viele Amerikaner selbst jemals geschafft haben. Oder aber man kann einen solchen Blick gerade als Ausländer/Neubürger viel besser ausarbeiten, weil noch genug Distanz vorhanden ist.
Forman hat zuvor in seiner Heimat in dem Film "Der Wettbewerb" ein Gesangs-Casting zum Mittelpunkt der Handlung auserwählt; in "Taking Off" umschließt er seine Geschichte ebenso durch eine Vielzahl an Szenen eines Talent-Castings, bei denen die unterschiedlichsten Charaktere ihre musikalischen Fähigkeiten zum Besten geben (u.a. zu sehen: die sehr junge Kathy Bates mit ihrem eigenen Song). Vielleicht kann man diese Themenverwandtschaft beider Filme als Bindeglied oder gar Vergleich beider Länder betrachten.
Im "Taking Off"-Wettbewerb lernen wir erstmal die 15-jährige Jeannie kennen, die sich jedoch entscheidenden Moment, nicht mehr traut zu singen. Ein Casting überhaupt zu besuchen ist ihre eigene Entscheidung gewesen. Die Unwissenheit der Eltern, wo sich die Tochter herumtreiben könnte, ist der eigentliche Auslöser für die Handlung, oder für ein Drama, das eigentlich keins ist, sondern eher eine hysterische Überdramatisierung der Eltern. Der Generationskonflikt schleicht sich hinein, bzw. der klägliche Versuch einer Kommunikation zweier Welten: Die gutbürgerlichen Spießer-Eltern versuchen ihre von großen Träumen geleiteten Hippie-Kinder zu verstehen, bzw. tun so als würden sie es versuchen.
Und Forman treibt es zum Ende hin auf die Spitze, weil er die unschuldige Jugend in Schutz nimmt, wohingegen die verständnislose Elterngeneration parodiert gar dämonisiert wird und in einer irrsinnigen Strip-Poker-Runder bekifft und betrunken alle Hüllen fallen lässt und damit alle Tabus bricht. Die junge Jeannie ertappt die Spieler gerade beim Höhepunkt ihres unkontrollierten Treibens.
Das ist der amerikanische Albtraum und einer der Filme, die durch die Thematisierung beider Welten gerade diese am überzeugendsten auf den Kopf stellt und mit festgefahrenen Denkrichtungen und Rollenverteilungen aufräumt. Und das war ja erst der Startschuss für Forman in seiner neuen Heimat. Direkt danach folgte Nicholson und das Kuckucksnest. Damit ist alles gesagt, zumindest angedeutet.

CELEBRATION DAY

Dick Carruthers (Großbritannien, 2012)
Auch dieser (Musik)Film sollte nicht unerwähnt bleiben: eines der schwersten Geschütze der 70er-Jahre wurde 2007 in London für einen einzigen Gig reanimiert. Man mag sich die Augen reiben und wird danach immer noch feststellen, dass es wahr ist: Led Zeppelin betraten da tatsächlich noch einmal die Bühne, um vor dem Ende 2006 verstorbenen Atlantic-Records-Gründer Ahmet Ertegun musikalisch den letzten Hut zu ziehen. 
John Bonham durfte leider nur durchs Schlüsselloch der Himmelspforte hinabschauen, aber immerhin saß nun sein Sohn Jason an den Fellen und trommelte nicht viel schlechter als sein in den 80ern verstorbener Vater. Die restlichen 3 Gründungsmitglieder stehen natürlich alle auf der Bühne und nicht mal auf wackeligen Beinen, trotz ihres Alters und der turbulenten Lebensweise, die ihnen seit Jahrzehnten im Nacken sitzen muss. Page & Plant sind sich ja schon in den 90ern über den Weg gelaufen, trugen schon damals die Zep-Klassiker aus dem Grabe zu den Lebenden, konnten aber sogar einige neue Sachen aus dem Ärmel schütteln, die nicht uninteressant waren.
2007 konnte der Zeppelin wieder aufsteigen, dann wieder mit Paul Jones am Bass und Klavier. Die Songs kratzen, donnern, winseln und jammern, "For your Life" wurde sogar zum allerersten mal live umgesetzt, und es funktioniert immer noch alles. Das einzige Instrument, das mittlerweile Abnutzungsspuren aufweist sind Plants Stimmbänder, deswegen lässt er manches weg, was er sich früher noch getraut hätte, oder interpretiert es anders, aber das macht ja nichts, er ist allgegenwärtig wie eh und je. Der alte Zoso-Page, mittlerweile im natürlichen Look mit weißem Haar, entlockt seinen Gitarren immer noch mit gleichen Wucht die altbewährten Klänge, auch wenn er sie in all den Jahren hier und dort gekonnt auszuschmücken und zu variieren lernte, oder aber bewusst reduzierte.
Letztendlich ist das eine wirklich gute Show, die sich vor nichts verstecken muss und über Kritiker-Nörgeleien lächelnd hinwegsehen kann. Nur bitte keine unnötigen Reunion-Pläne/Diskussionen mehr!

8. Januar 2013

ULEE'S GOLD

Victor Nuñez (USA, 1997)
Victor Nuñez also. Und schon wieder könnte man die Frage stellen: wer ist das überhaupt? Zumindest jemand, der den alten Peter Fonda wieder auf die Beine stellt, wobei der Film auch schon einige Jahre auf dem Buckel hat, aber trotz dessen gehörte Fonda schon zu diesem Zeitpunkt  mit seinem Schwesterherz Jane zum Urgestein der Branche.
Mag man also "Ulee's Gold" sehen wie man will (bei den damaligen Festivals kam er wohl gut an), sein Hauptverdienst bleibt immer noch, sich auf würdige Art vor Peter Fonda zu verbeugen, so dass man sich nicht schon wieder auf Clint Eastwood einlassen muss, den obligatorischen Mann für die Rolle des wiederbelebten Senioren-Helden, der noch einmal den Colt ziehen darf, und das kann man jetzt auch ruhig zweideutig interpretieren.Der Witwer Ulee (eben Peter Fonda) lebt als Bienenzüchter in Florida, zusammen mit seinen beiden Enkelinnen, deren Vater wegen einem Raubüberfall im Gefängnis sitzt und die drogenabhängige Mutter, Hellen (Christine Dunford) im Verlauf der Geschichte erst einmal wiedergefunden und entgiftet werden muss, wobei Ulee von seiner Nachbarin, der Krankenschwester Connie (Patricia Richardson) liebevoll unterstützt wird. Ulee leidet zudem an Rückenproblemen, was ihm die Arbeit an den Bienenstöcken zusätzlich erschwert. Und als wären das nicht schon genug Strapazen, meldet sich plötzlich auch noch der inhaftierte Sohnemann und bittet seinen Vater um Hilfe, da seine Frau Hellen von den damaligen Überfall-Komplizen gefangen wird. Offene Rechnungen stehen noch aus; die Beute, zu deren Versteck Ulee die beiden Gauner hinführen soll. Der Vietnam-Veteran Ulee mobilisiert sich also zum passiven Kämpfer und sorgenvollen Beschützer seiner Familie. 
Aus einem sanften Familienmelodrama wird ein fast reißerischer Thriller, beinahe mit Hitchcock-Flair, alles um am Ende die ganze Familie wieder zu vereinen. Der Film kommt dabei auf leisen Sohlen seinem Ziel entgegen, explodiert hier und da in kleinen Akzenten, aber schwirrt eher konstant in seiner Narration wie die Bienen über ihrem Honig, und die ewig summende, niemals aufdringliche Musik von Charles Engstrom schließt diesen ausgewogenen Rahmen.

7. Januar 2013

DIE ROMANTISCHE ENGLÄNDERIN

Joseph Losey (Großbritannien, Frankreich, 1975)
Joseph Loseys Filmographie scheint relativ umfassend zu sein, ich dachte, ich würde mehr davon kennen, doch irgendwie ist es bisher nur sein Engländerin-Film, oder ich übersehe gerade seine größten Schlager und müsste vor Scham im Erdboden versinken. 
Der Film lief vor langer Zeit in einer Helmut Berger-Reihe, wo er auch auf keinen Fall fehlen darf, denn wo Berger sonst bei Visconti göttergleich aufs höchste Podium gehievt wird, kann er hier in Loseys Film all seine Eitelkeit und egozentrische Überheblichkeit fast schon wieder persiflieren. Die Rolle des Drogenkuriers und Gigolo Thomas ist ihm wie auf den Leib geschrieben, was in der entspannten Art dieser Figur oft zu wirklich komischen Momenten führt. 
Als Gegenstück dazu stellt der Regisseur den ewig kauzigen Michael Caine in gemütlicher Strickjacke aufs Schlachtfeld, hier in der Rolle des zynischen Schriftstellers Lewis Fielding, dessen gelangweilte Ehefrau (Glenda Jackson) in Baden-Baden auf den jungen, attraktiven Thomas trifft und das Beziehungsschlammassel beginnen darf. Der Schriftsteller steckt nämlich nicht nur in seinen Eheproblemen sondern auch noch in einem kreativen Loch und es kommt ihm gelegen, dass der junge Thomas schließlich das Ehepaar besuchen kommt und sich in deren Wohnung einnistet, mit dem Vorwand, er würde sich für Fieldings Schreibkunst begeistern, aber natürlich längst ein Auge auf dessen Ehefrau geworfen hat.
Der Film rüttelt an der bürgerlichen Fassade und macht das mit viel beißendem Humor, weil sich die drei grotesken Figuren immer wieder in die Quere kommen und in der Wohnung übereinander stolpern. Dazwischen hampeln auch noch der kleine Sohn und das Kindermädchen, die ebenso Berger verfällt.
Das Londoner Haus des Ehepaars lernt man schließlich auch immer besser kennen und darf es als eigenständigen Charakter betrachten, vor allem Fieldings eigenes Kämmerchen, in dem er an seinen Romanen tüftelt und auf dessen Wand mehrere Portrait-Aufnahmen seiner Ehefrau hängen, auf denen er sie noch einmal (oder endlich?) aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten kann.
Ob das wohl ein typischer Losey-Film ist, fragt man sich. Wenn ja, dann sollte man sich künftig auf die Suche nach seinem restlichen Werk machen.

6. Januar 2013

BEASTS OF THE SOUTHERN WILD

Benh Zeitlin (USA, 2012)
Mit dem immer häufigeren Einsatz von Handkameras sollte man scheinbar endlich Frieden schließen; man muss sie dulden, sie akzeptieren, sich auf sie einlassen. Die ewig wackeligen Bilder streben nach Realismus und dokumentarischer Nähe, das Ergebnis gipfelt aber oft im Manierismus und einer unnötigen Aufdringlichkeit technischer Stilmittel.
Benh Zeitlin ist ein völlig neuer Mann am filmischen Horizont und er beugt sich gleich mit aller Beharrlichkeit diesem visuellen Konzept. Die Kamera schwenkt, wackelt, zittert und zuckt in diesen ohnehin schon so optisch unruhigen Sümpfen Louisianas, bzw. dem Ort Bathtub, der aus Müll und Dreck zu bestehen scheint, wo die Einheimischen von der restlichen Welt abgeschnitten leben. Es ist zunächst nicht einfach, sich darauf einzulassen; glücklicherweise entweicht diese Hektik dem Film irgendwann, auch wenn er sich niemals vollständig davon erholen kann. 
Die 6jährige Hushpuppy ist unsere kleine Heldin, die ohne Mutter aufwächst, sondern bei ihrem Vater Wink, einem an einer ernsthaften Herzerkrankung leidenden Fischer, der seine Tochter stets bewusst mit der Härte des Lebens konfrontiert, da er sein Schicksal kennt und das kleine Mädchen fürs Überleben abhärten möchte. Doch das ist scheinbar noch zu wenig Drama, weil die Bewohner zusätzlich noch einen harten Kampf mit der aufkommenden Klimakatastrophe auszufechten haben, als bei einem Sturm die Sumpfsiedlungen überflutet werden und die meisten Behausungen in den Wassermassen verschwinden.
Hushpuppy und ihr Vater kämpfen weiter, gegen die Krankheit, den Hunger, die Lebensumstände, die nicht existente Mutter, gegen die längst ausgestorbenen Auerochsen (trick-technisch wunderbar umgesetzt!) und vor allem gegen die Tränen, die sich immer wieder in ihren Augen ansammeln. Man soll hart bleiben, niemals weinen, doch irgendwann kullern die Tränen doch noch.
Der Film durchlebt Verwüstungen von unterschiedlicher Form und Ausmaßen, er spült den Dreck von einer Seite zur anderen und nur Weniges wird von den ewigen Schlammschichten befreit. Ein Frieden kann dann doch noch im finalen, traditionellen Brauch vielleicht nicht geschlossen, aber wenigstens angedeutet werden.
Ein schwerer Südstaaten-Existentialismus, der sicherlich die Geister von Hurrikan Katrina wieder wachruft. Wie mag wohl das ursprüngliche Theaterstück dazu aussehen, auf dem Benh Zeitlins Film basiert?

SEARCHING FOR SUGAR MAN

Malik Bendjelloul (Schweden, Großbritannien, 2012)
Sixto Rodriguez steckt definitiv (und leider) immer noch in den musikalischen Nischen, wo er von einem großen Geheimnis umschlossen wird, weil seit Jahrzehnten so wenig Information über ihn durchsickert, was seine Persönlichkeit aber um so interessanter und mysteriöser erscheinen lässt. Seine beiden einzigen Alben "Cold Fact" und "Coming from Reality" lagerten schon immer wie Blei in den Plattenläden. Keiner interessierte sich jemals für den amerikanischen Singer/Songwriter, und das obwohl diese simplen und doch originellen Songs in ihrer Einfachheit und Ehrlichkeit mitten ins Ohr & Herz treffen müssten. 
Was sie auch taten, nur eben in einer ganz anderen Ecke unseres Erdballs: in seiner Heimat blieb der Erfolg völlig aus, so dass sich Rodriguez schließlich als einfacher Arbeiter aus dem Geschäft zurückzog, ohne zu wissen, dass er gleichzeitig in Südafrika zu einer Musiklegende von Elvis-Größe heranwuchs und auf dem schwarzen Kontinent mehr Platten als die Rolling Stones verkaufte. Grund dafür müssen vor allem auch seine Texte sein, die seine Musik zur Hintergrundkulisse der Anti-Apartheidsbewegung verwandelten.
Von all dem bekam Rodriguez jedoch nichts mit und was nach seinem Rückzug geschehen ist, bleibt ein noch viel größeres Rätsel, dem zwei Fans schließlich auf die Spur kommen wollen, um irrsinnige Legenden aus dem Weg zu räumen, etwa wie sich der Künstler nach seinem letzten Konzert selbst in Brand gesteckt haben soll. Die Suche ist lang und beschwerlich, denn ein grundlegendes Problem stellt bereits der echte Name des Songwriters dar, der auf seiner ersten Platte bereits mit mehreren Namensvariationen den Fan verunsicherte.
Um sich auf den Film einzulassen muss man nicht mal Rodriguez Freund und Kenner sein, denn das Projekt gleicht eher einem Thriller oder Krimi, als einer gewöhnlichen Musikdokumentation, Rodriguez' Songs begleiten stets die vielfältige Bilderwelt aus Orten, Zeitzeugen, Fotocollagen und  kurzen Animationen. Dass daraus überhaupt ein Film entstehen konnte gleicht einem Wunder, wo doch so wenig Material vorhanden ist. Was die beiden Fans dann schließlich finden, muss leider verschwiegen werden, aber gewiss kann ein neues Rodriguez-Kapitel aufgeschlagen werden und hoffentlich schafft es der Film, Rodriguez' Musik hinauszutragen, wo sie bisher nicht angelangt ist. Und weit hat ja der Wind bisher nicht geweht. Malik Bendjelloul bringt mit seinem Werk hoffentlich was ins Rollen, aber es gibt noch jenseits dieser filmischen Verbeugung viel zu tun.

2. Januar 2013

PINA

Wim Wenders (Deutschland, Frankreich, Großbritannien, 2011) 
Um mal zu vergleichen: Werner Herzogs bisheriges dokumentarisches Schaffen mag sicherlich umfangreicher und thematisch vielseitiger sein, als das von seinem Kollegen Wim Wenders, der auch weniger waghalsig vorgeht und sich eher darauf spezialisiert hat, andere Künstler filmisch ins Rampenlicht zu rücken, anstatt exzentrische Randfiguren und Problemthemen aus dem wahren Leben zu porträtieren. Doch trotz seiner Gemütlichkeit ist Wenders vor allem der Mann, dem es gelingt, auch ein paar ungewohnte Türen zu öffnen um dem klassischen Film- oder Wendersfan einen Blick auf andere Künstler und sogar Kunstformen zu ermöglichen.
Sein Film über die Choreographin und Tänzerin Pina Bausch durfte sich kürzlich dazugesellen. Eine völlig neue Welt eröffnet sich hier jedem Tanztheater-Banausen (also mir!), wenn man ansonsten einen großen Bogen um diese Kunstform gemacht hat. Pina starb leider 2009 und erlebte nicht mehr die Fertigstellung des Filmes; das fertige Werk ist natürlich ihr gewidmet und muss bis auf einige wenige Archiveinblendungen ohne sie auskommen. Die Meisterin schwebt aber wie ein wachender Geist über allen Darbietungen des Wuppertaler Tanztheaters.
Die vielen Darsteller lernen wir entweder in den unterschiedlichen, wundervoll inszenierten Stücken kennen, sowie durch die Vielzahl an eingeblendeten Gesichtern, die aus dem Off zu uns sprechen und ihre Lehrerin stets aufs höchste Podest zu stellen.
Pinas Kunst eignet sich natürlich vortrefflich für Wenders' Experiment, da der Einsatz von ungewöhnlichen Orten die Tänzer durchgehend aufs Neue herausfordert. Ob auf nassem Torf, draußen auf dem Wuppertaler Asphalt oder auf einer überschwemmten Bühne; jede Location wird mit Leichtigkeit überwunden und integriert sich von Anfang bis Ende in das jeweilige Stück.
Und so weit ist das alles auch gar nicht vom Filmmedium entfernt, schon gar nicht, wenn Wenders sich direkt ins Geschehen einmischt; nicht nur aus Entfernung mit dem passiven Blick eines Theaterbesuchers, sondern sich mit Kamera zwischen den Darstellern hindurchschlängelt. Aus dieser Nähe zum Geschehen werden aus einem ganzen Tanz-Ensemble einzelne Darsteller, Gesichter, Schauspieler, Individuen, Menschen.
Das charakteristische Stück „Café Müller“ hat ja sogar Pedro Almodóvar am Anfang seines „Sprich mit ihr“ eingebaut; da sieht man auch, wie gut sich Film und Tanz ergänzen können, wenn man beides gekonnt verbindet.
Eigentlich sollte man auch „Pina“ unbedingt mit dem Audiokommentar von Wenders schauen (muss noch unbedingt nachgeholt werden!), um noch mehr übers Pinas Arbeitsweise zu erfahren und wie sich der alte Düsseldorfer-Wim in dieser Welt zurechtfinden musste. Es soll ja alles andere als einfach für ihn gewesen sein, weil er lange nicht wusste wie man ein Tanztheater überhaupt filmen sollte. Seine Bedenken und Zweifel hatte er Pina Bausch gebeichtet, als das Projekt noch ganz am Anfang stand. Gelungen ist es ihm aber dennoch; vielleicht hat er das Pina zu verdanken, die ihre künstlerischen Mitarbeiter immer mit wenigen aber den richtigen Worten zu animieren wusste. 
Ein guter Film also, und trotz aller Ernsthaftigkeit gibt es sogar etwas zum Schmunzeln, wenn man bei der Suche nach Standfotos auf das Filmpremieren-Bild stößt, auf dem Wenders und Angela Merkel mit 3D-Brillen nebeneinander im Kino sitzen.

27. Dezember 2012

DER OBRIST UND DIE TÄNZERIN

John Malkovich (USA, Spanien, 2002)
John Malkovich kann man in der Regel kaum etwas vorwerfen, wenn aber jemand vorübergehend den Beruf vom Schauspieler zum Regisseur wechselt, blinken erstmal alle Alarmleuchten auf. Ein kreatives Desaster ist vorprogrammiert, denn warum sollte eine Regiarbeit von John Malkovich unbedingt gut sein? Auf der anderen Seite: warum aber auch nicht, wenn ein begabter Schauspieler dahinter steckt, der vielen Regie-Kollegen über die Schulter schauen durfte. Also lässt man sich darauf ein und muss es in dem Fall auch nicht bereuen.
Malkovich lehnt sich auch recht weit aus dem Fenster, was die Wahl des Stoffes angeht, denn mit der Geschichte um den südamerikanischen Terroristen Ezequiel Durán, die an das Leben des Führers einer peruanischen Terrororganisation angelehnt ist, wagt er sich gleich aus voller Nähe an ein knochenhartes Problemkino heran, das darüber hinaus auch noch zeitlose Züge trägt, wenn man sich die Mühe machen will, ihn auf aktuelle Tagesthemen zu projizieren.
Javier Bardem ist hier der Ermittler, der eine Menge aufzuräumen hat, früher mal ein erfolgreicher Anwalt, der sich beruflich umorientiert hat. Die Suche nach Ezequiel, der das Land durch Terroranschläge in Angst und Schrecken versetzt, ist ein weitgehend hoffnungsloser Kampf, eine abstrakte Irrfahrt und eine Suche nach einem gesichtslosen Phantom, der nicht zu fassen ist und doch allgegenwärtig ist. Was er lediglich hinterlässt sind mehrere Opfer und symbolische Andenken in Form von aufgeknöpften Hunde-Kadavern, an deren Hälsen ideologische Parolen hängen, über die sich das Volk und die Polizei den Kopf zerbrechen dürfen.  Ezequiel ist ein unsichtbarer Kämpfer, der verhasste Gegner während einer Theatervorführung als ahnungslose Zuschauer auf die Bühne lockt und von ausgewechselten Schauspielern kaltblütig ermordet lässt. Seine Vorgehensweise im ganzen Land gleicht einer makabren Inszenierung, deren Ziele und Forderungen nicht definiert werden, was die Polizei ratlos in der Ecke stehen lässt und schließlich das Kriegsrecht ausgerufen werden muss.Javier Bardem war deswegen vielleicht nie so nutzlos wie in diesem Film, und doch ist er die zentrale Heldenfigur und Hoffnungsträger, weil er irgendwann der ganzen Sache schließlich auf die Schliche kommen muss. Zu Hause hat er eine nervige, realitätsferne Ehefrau, deren Welt nur aus Beauty-Artikeln zu bestehen scheint. Er verfällt also Yolanda (Laura Morante), der Ballettlehrerin seiner kleinen Tochter, die nicht nur dafür sorgt, dass sein Privatleben und seine Gefühlswelt völlig entgleist, sondern die in der Gesamthandlung eine wichtige Rolle einnimmt.
Der Film hält sein stimmiges Gleichgewicht; er schlägt große Wellen vom Thriller, zum Drama und der sich durchschlängenden Liebesgeschichte, die so nicht sein darf, die sich zaghaft und in leisen Schritten entwickelt, um auf eine Kehrtwende hinauszulaufen.
Es ist eine permanente Suche nach jemandem, den man zur Verantwortung ziehen will, der aber erst mal ein großes Mysterium bleibt und sogar von Einheimischen als ein körperloses Etwas beschrieben wird, das sich wie ein böser Geist überall einnistet.
Der Feind lauert überall und hat viele Komplizen. Die Menschen im Film sind dem hilflos ausgeliefert und wir nicht viel weniger; die Bedrohung schwappt über und gelangt bis an unsere gemütlichen Fernsehsessel. Doch nicht nur das Thema macht hier den Film aus, sondern der Film selbst, dessen Geschichte mit großer Geschicklichkeit vorangetrieben wird.

20. Dezember 2012

ALEXIS SORBAS

Michael Cacoyannis (Griechenland, UK, USA, 1964)
Griechenlands Vorzeigefilm, Aushängeschild und wahrscheinlich größter Klassiker. Letztens den Roman aufgestöbert; was Cacoyannis daraus gemacht hat, ist vielleicht noch besser, zumindest filmgeschichtlich von großer Bedeutung.
Alan Bates (hier als der junge Schriftsteller Basil) erbt ein Kohlebergwerk auf Kreta und begegnet am Hafen dem Namensgeber dieser Geschichte, Alexis Sorbas, auch bekannt als Anthony Quinn; Figur und Darsteller gehen nahtlos ineinander über, denn Quinn spielt nicht nur Sorbas, sondern IST auch Sorbas. Selbst wenn man den Wälzer von Kazantzakis aufschlägt, hat man sofort die griechische Schauspielerlegende vor Augen; sich als Leser ein anderes Gesicht vorzustellen bleibt eine kreative Meisterleistung.
Von nun an sind Basil und Sorbas unzertrennlich. Als jungem, unerfahrenen Grünschnabel, bleibt Basil nichts anderes übrig als Sorbas' aufdringliche Art hinzunehmen und ihn als Arbeiter für das Bergwerk zu engagieren.
Basil ist der reservierte Jungspund im Spießerlook, der körperliche Arbeit kaum gewohnt ist, der allem misstrauisch und mit Vorsicht entgegentritt. Sorbas ist der grobgeschnitzte Riese, der sein Herz nach außen trägt, der das Leben kennt und am Schopfe packt, der immer geradeheraus ist und kein Blatt vor den Mund nimmt. Er ist der Wahnsinnige, Prophet und Philosoph in einem. Dank des Aufpralls dieser zweier Gegensätze wächst und gedeiht die Geschichte und beweist uns, wie sich die beiden Gegenpole doch stets zu ergänzen wissen.
Die Kohlemiene ist zunächst ein dunkles Loch voller Staub und Geheimnisse, sie auf Vordermann zu bringen und eine Seilbahnkonstruktion für den Baumtransport zu errichten, ist der Auslöser für die Handlung. Die beiden Männer lernen einander besser kennen und Sorbas erklärt Basil wie man lebt, gar wie man liebt, zumindest versucht er es, in dem er seinen Freund mit der Witwe Surmelina (Irene Papas) zusammenbringen will, dem mysteriös-schönen, beinahe wortlosen Charakter dieses Filmes. Sorbas selbst hat sich mit Madame Hortense zusammengetan, einer alternden, französischen Offizierskurtisane, die jedoch viel stürmischer den Inhalt ihres Herzens vor ihm ausschüttet, als es Sorbas lieb wäre.
Das besondere an dem Plot ist, dass die beiden Liebesgeschichten stets parallel aber zaghaft nebeneinander herlaufen, jedoch am Ende unerfüllt bleiben. Der Zuschauer kann nur zuversichtlich nach dem klassischen Näherkommen lechzen, doch der romantische Zauber bleibt uns verwehrt, weil der jungen Witwe mitten auf dem Dorfplatz die Kehle durchgeschnitten wird (als monströser Racheakt der Dörfler... was für eine Filmszene!) und die alte Französin krank in Sorbas Armen stirbt. Alles geht in die Brüche, selbst die Seilbahn an der Kohlemiene, eine unnützige Fehlkonstruktion, doch Sorbas und Basil überstehen am Ende all die Not und herben Schicksalsschläge und tanzen gemeinsam den berühmten Sirtaki-Tanz am Strand.
Und man fragt sich weiterhin, warum Griechenland mit seiner uralten Kulturtradition, trotz dieses großen Klassikers als Filmland ein weitgehend unbetretenes Territorium bleibt. Viel zu selten dringt von dort etwas zu uns hindurch, dabei kann sich ein Film wie Cacoyannis' Sorbas-Verfilmung praktisch unauffällig in den italienischen Neorealismo einreihen. Rossellini und de Sica sind da nicht weit entfernt; die Themen sind ähnlich rauh, die s/w-Bilder von ähnlicher archaischer Schönheit, und sowohl die großen Italiener als auch Cacoyannis, kleben ihren Figuren (bzw. den Menschen) direkt an den Fersen.

5. Dezember 2012

AUGEN OHNE GESICHT

Georges Franju (Frankreich, Italien, 1960)
Zeit für ein klassisches Schauermärchen mit Mary Shelley-Tendenz, gepaart mit Stilsicherheit und französischer Coolness; da ist man bei Georges Franju am besten aufgehoben. "Augen ohne Gesicht" nennt sich sein vielleicht bekanntestes Werk, das damals für reichlich Ekel und Panik unter den Zuschauern sorgte und das, obwohl er zuvor der Schere zum Opfer gefallen ist. Diese Schandtat der Zensur ist lange her und wir dürfen den Film inzwischen wieder in (fast) voller Länge genießen, zumindest die langwierige Operations-Szene in all ihrer B-Movie-Aufdringlichkeit über uns ergehen lassen.
Aber alles nacheinander. Zuerst muss man sich mit der Eigenwilligkeit des Chirurgen Dr. Génessier (Pierre Brasseur) vertraut machen, der in einer abgelegenen Villa seine nach einem Autounfall entstellte Tochter Christine (Edith Scob) von der Außenwelt versteckt, deren malträtiertes Gesicht (das wir als Zuschauer nie zu sehen bekommen) er mit Hauttransplantationen retten möchte. Da der Eingriff jedoch öfters misslingt (das verpflanzte Gewebe wird nach gewisser Zeit wieder abgestoßen), werden immer wieder junge Studentinnen von seiner Assistentin (Alida Vali) ins Haus gelockt, um als Hautspender auf dem Labortisch zu landen. Christine muss also viel über sich ergehen lassen. Sie lebt völlig isoliert hinter einer Maske, in einem Haus mit abgehängten Spiegeln, um von ihrem tragischen Aussehen verschont zu bleiben, oder zumindest halbwegs von dem schweren Schicksal abgelenkt zu werden.
Georges Franju kennt man einerseits als Regisseur von diesem Grusel-Hirngespinst, aber vor allem auch als Mitbegründer der französischen Cinémathèque. Man würde denken, dass auf diese Weise zwei vollkommen gegensätzliche Welten aufeinanderprallen, doch trotz der morbiden Grundthematik legt der Regisseur viel Wert auf eine filigran-verspielte Optik und stilvolle Charaktere. Natürlich im Mittelpunkt die markante Hauptfigur, die in ihrem detailverliebten, Geheimzimmer ihr Unglück permanent am Kissen ausweint.
In diesem Film kollidiert also vieles zusammen, was auf den ersten Blick kaum verwandt zu sein scheint: Das coole 60er-Jahre Godard-Paris auf Folterkammer-Ästhetik und viktorianische Villa, Kriminalgeschichte auf Old-School-Body-Horror.
Und dass der Film bis heute Spuren hinterlässt, merkt man spätestens, wenn man Leos Carax' "Holy Motors" sieht, in dem Edith Scob erneut mit einer Maske ihr Gesicht verdecken darf. Almodovar war ja mit "Die Haut, in der ich wohne" auch nicht weit entfernt; der Einfluss von Georges Franju reicht also bis in die heutige Zeit und das muss schon etwas heißen.