6. März 2012

DER MANN, DER ZU VIEL WUSSTE

Alfred Hitchcock (USA, 1934)
Hitchcock musste von dieser Thematik so begeistert gewesen sein, dass er im Abstand von 22 Jahren den Stoff gleich zweimal verfilmt hat, um vielleicht die Fehler von früher auszuglätten. Das Remake mit James Steward und Doris Day wurde zwar viel populärer, doch das Original aus den 30ern sollte nicht unerwähnt bleiben, zumal ihn der bloße Vergleich sehenswert macht.
Der wesentliche Unterschied ist, dass Hitchcock in der ersten Version die Handlung in St. Moritz ins Rollen bringt; in der neueren Fassung passiert der erste Plotpoint in Marokko.
Was uns in der 50er-Jahre-Version zusätzlich verwehrt bleibt, ist die Figur des sadistischen Zahnarztes, die im alten Film einen eigentümlichen Charme entwickelt. Man muss einfach schmunzeln: der Zweikampf auf dem Behandlungsstuhl zwischen unserem Protagonisten und dem Arzt, bei dem es dem Familienvater gelingt, den Gegner unter Narkose zu setzen, ist für jemanden wie Hitchcock dermaßen fragwürdig inszeniert, dass man den Film wegen einer solchen Trash-Entgleisung einfach gern haben muss.
Später gibt es dann die berühmte Szene beim Konzert in der Royal Albert Hall, wo während des Becken-Schlags ein Schuss fallen soll.
Anschließend liegt die erzählerische Gewichtung auf der Schießerei zwischen Polizei und der Verbrecherbande (Peter Lorre, ein unglaublich cooler Bösewicht!) und wirkt in seinem Aufwand fast schon wie der Aufstand im Warschauer Ghetto.
Cooler Hitchcock, aber die Neuverfilmung ist auch verständlich.

5. März 2012

STROMBOLI

Roberto Rossellini (Italien, 1950)
Anfang der 50er Jahre kehrte Ingrid Bergman Hollywood den Rücken zu, nach dem sie einige Filme des italienischen Neorealismus-Meisters Roberto Rossellini gesehen hatte. Beide machten während ihrer ersten gemeinsamen Film-Arbeit die italienische Vulkan-Insel Stromboli unsicher; ganz zu Begeisterung der Einwohner, die sich durch die aufregenden Dreharbeiten (und nicht zuletzt durch die noch viel aufregendere Ingrid Bergman!) bis heute gerne an diesen hohen Besuch auf ihrer Insel zurückerinnern.
Bergman spielt eine Litauerin, die im Flüchtlingslager kurz nach dem zweiten Weltkrieg einen aus Stromboli abstammenden Fischer kennenlernt. Beide heiraten um das Lager verlassen zu können und ziehen gemeinsam in das Dorf auf der kargen Insel.
Sie, eine verwöhnte Schönheit, die einen völlig anderen Lebensstandard gewohnt ist, kann sich mit ihrem neuen Heim und Umfeld schwer anfreunden.
Die Insel wird bei Rossellini nicht zum Sinnbild für ein idyllisches Paradies, sondern zu einem psychischen Gefängnis für eine moderne Frau, die mit der Eigenart der Dörfler nicht umgehen kann, genauso wenig wie die Einwohner mit ihr als exotische Fremde und potenzielles Objekt der Begierde. Vergeblich versucht sie sich beim Dorfpfarrer auszuweinen, denn bei ihrem Ehemann, der zwar ein herzensguter Mensch, aber letztendlich in ihren Augen ein tölpelhafter Bauer ist, stößt sie bloß auf Unverständnis.
Unvergesslich bleiben die aufwändigen Szenen vom Thunfischfang der Fischer, und am Ende bricht natürlich der Vulkan aus; pathetische Holzhammer-Symbolik, aber trotzdem zeitlos schön. Mehr ein Musen-Film als Realismus, denn die überwältigende und Landschaft wirkt durchgehend wie eine bedrohliche Kulisse, die Bergman auf kokette Art zum Glänzen bringen soll.
William Dieterle drehte 1 Jahr früher "Vulcano" mit Anna Magnani, bei dem ich mich grade ernsthaft frage, ob er inhaltlich nicht sehr ähnlich war. Vielleicht ist das ein Zeichen, auch diesen Film wieder herauszufischen, oder aber nach langer Neorealismus-Abstinenz, sich grundsätzlich wieder mit dieser Filmgattung zu beschäftigen.

4. März 2012

Alfred Hitchcock Collection

Während der letzten, Streifzüge durch diverse Filmkauf-Anlaufstellen (auch unter dem Alternativtitel "spontane Schnäppchenjagd" bekannt), fiel mir kürzlich diese dicke und gar nicht mal so hässliche Hitchcock-Box in die Hände. Gegen 14,99 € kann man nichts sagen. Ganze 6 Filme sind drin, etwas seltsam zusammengestellt, aber trotzdem genau richtig für meine Bedürfnisse, da mir 4 Filme davon gänzlich unbekannt waren und die anderen zwei die allgemeine Sammlung zusätzlich komplettieren würden. Das Zusatzmaterial kann auch stolz auf sich sein; jeder Film ist mit einer Dokumentation ausgestattet, in der viele Weggefährten und Kollegen zu Wort kommen. Es genügt schon Peter Bogdanovich zuzuhören, dem filmischen Schlaumeier, der scheinbar jeden Film auf diesem Planeten gesehen hat und zu jedem auch etwas zu sagen hat.
Nun zum Inhalt:

Es ging los mit "Ich beichte" (1953) mit Montgomery Clifft als Priester in Quebec, der mit der kirchlichen Schweigepflicht belastet ist als ihm ein Mörder seine Tat als Beichte ablegt. Der Priester wird selbst zum Hauptverdächtigen muss aber schweigen, weil Gott von überall vom Kreuze herabschaut. Er muss sich entscheiden, ob er seiner religiösen Schweigepflicht treu sein möchte, oder ob er seine eigene Haut retten will.
Monty wie immer großartig, wie immer in einer qualvollen Rolle, die ihn wieder so furchtbar angespannt leiden lässt. Dafür kennt und schätzt man ihn. Ungewöhnlicher Hitchcock; fast schon mehr Bergman.

Der zweite Film war dann „Der fremde im Zug“ (1951), der in drei Fassungen vorliegt und bei dem ich mich automatisch für die längste entschieden habe. Wie sich später dank einer Doku herausstellte, verpasste ich aber gerade eine viel bessere Pointe in der allerletzten Schlussszene, was unbedingt noch nachgeholt werden muss. Der Film selbst über den psychopathischen Zuggast (Robert Walker erinnert bisschen an Robert Mitchum in „Nacht des Jägers“), der mit dem Protagonisten einen Mord tauschen will, um auf beiden Seiten die Spuren zu verwischen, überzeugt großteils, vernachlässigt aber stellenweise seine Glaubwürdigkeit durch eine Überladung an optischen und erzählerischen Einfällen. Dennoch bleibt der Zweikampf und Verfolgungsjagd auf einem außer Kontrolle rasenden Karussell, ein attraktiver Höhepunkt, was ein bombastisches Finale ohnegleichen garantiert.

Ein wirklich großartiger Film ist „Der falsche Mann“ (1956); gehört für mich zu den besten Werken des Suspence-Meisters, vielleicht gerade weil er durch seinen "Realismus" so anders ist und zu einer viel intensiveren Auseinandersetzung mit den Charakteren zwingt. Henry Fonda spielt hier den finanziell wackelig dastehenden Nachtclubmusiker und Familienvater, der durch eine Verwechslung fälschlicherweise als Verbrecher identifiziert wird. Das raffinierte an den Plot ist, dass Hitchcock irgendwann diese kafkaeske Kriminalgeschichte beinahe fallen lässt und sich unverschämter weise einer Parallelhandlung widmet, nämlich der psychischen Erkrankung von Henry Fondas Ehefrau, die mit der Tragödie dieser Anschuldigung nicht mehr umgehen kann. Das ist ungewöhnlich und großartig erzählt und gespenstisch in seiner Unmittelbarkeit, von wunderbaren Darstellern getragen.

"Bei Anruf Mord" (1954) gehört zu den bekannteren Filmen in dieser Zusammenstellung, wenn auch für mich nicht gerade zu den besten von Hitch. Ray Milland will hier Grace Kelly (seine Ehefrau) loswerden, nachdem er herausfindet, dass sie ein Techtelmechtel mit einem anderen Mann hat, und Milland eine Scheidung (finanziell) nicht durchstehen würde. Der eingefädelte Plan misslingt jedoch, Grace Kelly kann ihren "Mörder" mit einer Schere erstechen und wir haben einen der schönsten Morde der Filmgeschichte. Der Film ist nach einem Broadway-Stück inszeniert und reduziert seine gesamte Handlung auf die Wohnung des Ehepaars. Das ist zwar eine große Herausforderung, macht ihn aber gleichzeitig sehr geschwätzig und zu einem bis auf die Knochen abgenagten Krimi. Ein Fest für wahre Rationalisten.

Der bekannteste Film in der Box ist mit Sicherheit „Der unsichtbare Dritte“ (1959) und ein krasser Gegensatz zu „Bei Anruf Mord“, was seine Vielzahl an Handlungsorten angeht. Cary Grant gerät hier in Intrigen des amerikanischen Geheimdienstes, in die auch die bezaubernde Eva Marie Saint verwickelt ist. Grant wird von einem Ort zum anderen gejagt, Städte und Landschaften wechseln ständig, Entfernungen werden mit Autos, Bus und Bahn überwunden, irgendwann dann endlich die berühmte Szene mit dem Sprühflugzeug und Cary Grant im Maisfeld, bis man schließlich mit dem Finale am Mount Rushmore belohnt wird, welches komplett im Studio nachgebaut wurde, weil Hitchcock keine Drehgenehmigung hatte, um an dem echten Felsen mit den Präsidentenköpfen zu drehen.
Dank der vielseitigen Handlungsorte gehört der Film zu Hitchcocks vielseitigsten Werke.

Und zu guter letzt schließlich "Die rote Lola" (1950), in dem Hitchcock seine üblichen Mord/Täter-Thematik in die Welt des Theaters verfrachtet. Mit dabei Marlene Dietrich; bereits ihr erstes Auftreten ist spektakulär, wenn man zuerst ihre Beine und ihr blutverschmiertes Kleid zu sehen bekommt. Die blonde Femme Fatale ist damit definiert, die restlichen Darsteller müssen dann zusehen, was sie aus ihren Figuren machen; sie stehen erstmal in Dietrichs Schatten, ganz klar. Der Mordablauf wird dann in einer Rückblende nacherzählt, bis sich der ganze Wirrwarr schließlich enträtselt. Schwächster Film in der Reihe.

Im großen und ganzen ein guter Kauf; perfekt für den Geldbeutel, bloß etwas peinlich, dass jemand wie Hitchcock dermaßen verscherbelt wird. Merkte ich neuerdings wieder, als ich mehrere seiner früheren Filme bei Restposten entdeckte (dazu bald mehr!). Damit ist der gute Alfred nicht nur Meister des Suspence, sondern auch König der Wühltische.

1. März 2012

HAPPY-GO-LUCKY

Mike Leigh (Großbritannien, 2008)
Und wieder ein guter und kluger Film von Mike Leigh. Man steckt ihn gerne in die Komödien-Schublade hinein, auch wenn man hier eher aufpassen sollte, wie man "Happy-Go-Lucky" wirklich kategorisieren sollte, denn tief im Inneren ist es ein erschütternd tragischer Film. Mike Leighs Talent, nicht bloß an der Oberfläche zu kratzen, sondern in unseren Eingeweiden rumzuwühlen, ist Beweis genug, dass es hier um weitaus geht als um flüchtigen Klamauk.
Die Grundschullehrerin, Poppy (Sally Hawkins) steht auf der Sonnenseite des Lebens, immer fröhlich, ein wenig blöd und nervig, aber stets offenherzig gegenüber ihren Mitmenschen. Der Film porträtiert eine junge Frau Anfang 30, die als Sonderling ihrem Umfeld entgegentritt, sei es beruflich, in ihrer Liebesbeziehung, oder wenn sie sich in ihrem Freundeskreis beweisen muss.
Eine wichtige Nebenhandlung sind Poppys Fahrstunden bei ihrem mürrisch-cholerische Fahrlehrer. Er ist ein pragmatischer Realist und Pessimist in einem und die entscheidende Tragesäule für alles Interpretative. In seinen unfreiwillig philosophischen Tobsuchtsanfällen entlarvt er die böse Welt, die dafür verantwortliche Gesellschaft und vor allem Poppy selbst. Er bringt uns aber auch zum Schmunzeln, denn er ist ein eifersüchtiger Lehrer und ein schamhafter Prophet und am Ende doch nur Mensch.
Mike Leigh gibt einem vor allem den Glauben, die British New Wave wäre niemals gestorben.

28. Februar 2012

CASINO ROYALE

John Huston, Val Guest, Ken Hughes, Joseph McGrath, Robert Parrish (USA, 1967)
Zu viele ausgefallene Zutaten verderben oftmals die Suppe, wenn sie in einen gemeinsamen Topf landen. Genau so ergeht es "Casino Royale", wo es von berühmten Namen nur so wimmelt. Und nicht nur etwa auf dem Regiestuhl, wo gleich mehrere Regisseure aufeinander hocken, sondern auf der Darstellerliste selbst, die aus allen Nähten platzt: David Niven, Peter Sellers, Ursula Andress, Orson Welles, Woody Allen, Deborah Kerr, John Huston, Jean-Paul Belmondo, William Holden, Jacqueline Bisset... nur um die erste Ligar zu nennen.
Schon ist der Zuschauer angelockt und hat hohe Erwartungen an dieser 007-Persiflage, die zur Blütezeit der James Bond-Filme entstanden ist. Vor etlichen Jahren schien in dem Film bloß leere Luft drin zu sein und auch beim Wiedersehen macht er den Eindruck eines dick aufgeblasenen Starkinos, das an der Überfülle seiner Einfälle erstickt.
Der Film lahmt und stolpert über paar flache Gags und absurde Ansätze, die es beispielsweise niemals mit dem Pink Panther-Humor aufnehmen könnten und durch ihre altmodische Art von Monty Python kurz danach überrollt werden mussten. Die Bond-Parodie bleibt auf der Strecke; "Casino Royale hätte selbst eine Parodie nötig.
Sogar der junge Woody Allen, der zwei Jahre zuvor in "What's New Pussycat?" wirklich gute Momente hatte, kann in seiner slapstick'haften Tollpatschigkeit nur mäßig überzeugen. Zumindest bereitet er hier schon seine Rolle eines neurotischen Giftzwergs mit Minderwertigkeitskomplexen vor, was ja später seinen Stil prägen sollte, wenn auch niemals so schablonenhaft wie hier als Jimmy Bond und Dr Noah, der sich an der gesamten Menschheit rächen will.
Wenn man (zu) viele Farben miteinander mischt, ergibt das ein eintöniges Grau, oder einen Möchtegern-Blake Edwards im Swingin'Sixtees-Gewand.

20. Februar 2012

THX-1138

George Lucas (USA, 1971)
Große Überraschung für mich, diesen Filme erst jetzt zu entdecken und festzustellen, dass Lucas ein solch reifes und aufwändiges Erstlingswerk auf die Beine stellen durfte, noch bevor er mit Luke Skywalker und Darth Vader seine eigentlichen Brötchen verdienen konnte.
Das Sci-Fi-Genre war für Lucas scheinbar schon von Anfang ein vorbestimmter Weg; hier skizziert er mit großem Aufwand eine technisch-gesteuerte und vollkommen kontrollierte Zukunftsgesellschaft. Die Bewohner sind alles beinahe identische, kahlgeschorene Arbeiter, die all ihre Lebensenergie der tadellos verrichtete Arbeit widmen sollen. Motiviert werden sie durch leere Phrasen eines automatisierten "Gottes" (eine Fläche mit einem Dürer-Selbstportrait-ähnlichem Motiv), die das höchste Glück eines jeden in der permanenten Produktionssteigerung sieht.
Mitten drin Robert Duvall, der sich nicht nur die Frage nach seiner Identität stellt, sondern schließlich aus diesem technisierten und emotionslosen System auszubrechen versucht. Huxley, Lang und Orwell, und wie sie alle heißen, lassen grüßen.
Mit der Zeit entwickelt der Film eine eigene Poetik und erreicht in seiner auf weißen Hintergrund reduzierten Location die totale Abstraktion; einen theater-ähnlicher Handlungsort. Das ist dann die visuelle Verschnaufpause von dem labyrinthisch-maschinellen Look, der den Zuschauer ansonsten frösteln lässt.
"THX 1138" wirkt zunächst, als würde man 90min lang den Kopf in ein Computergehäuse stecken, um dort doch noch etwas menschliches zu entdecken. Durch diese technisch geprägte Optik entwickelt er deswegen eine schwerfällige Melancholie; er wirkt selbst kühl, distanziert und ungemütlich, und erlöst und bloß in einer vollkommenen Sterilität von weißem Nichts. Das erhoffte Licht am Ende des Tunnels ist eine bedrohlich nahe, glühend-rote Sonne, an der dennoch einige Vögel vorbeifliegen.
Ein guter Film jedoch mit einem seltsamen Nachgeschmack, wenn man bedenkt, dass Lucas damit den zerstörerischen Zwischenschritt von New Hollywood zum amerikanischen Blogbuster wagte.

GULLIVERS REISEN

Dave Fleischer (USA, 1939)
Wenn doch Jonathan Swift all die Umsetzungen seiner Geschichte erleben könnte. Ob er sie jedoch "überleben" würde, ist eine andere Frage.
Als in Europa bereits der 2. Weltkrieg tobte, vergnügte man sich in Amerika lieber am Zeichentisch und schuf unter der Regie von Dave Fleischer eine Zeichentrickfilm-Adaption der Gulliver'schen Abenteuer, die es animationstechnisch problemlos mit Disney aufnehmen kann. Die Fleischer Studios waren ohnehin mit Produktionen wie "Betty Boop" oder "Popeye" ein starker Konkurrent für Mickey und Donald.
Die Geschichte ist jedem bekannt: Gulliver strandet bei den finger-großen Liliputanern, mitten in den kriegerischen Intrigen von König Liliput und König Bombo, deren Sohn und Tochter auch noch ineinander verliebt sind; eine Liebe, die von beiden Vätern missbilligt wird. Der riesenhafte Gulliver übernimmt die Rolle des Friedensstifter; er ist Respektperson und Bedrohung zugleich.
Der Charme der Swift-Vorlage wird hier vor allem in der berühmten und präzise ausgearbeiteten Szene deutlich, wie Gulliver am Strand entdeckt, gefesselt und in die Stadt abtransportiert wird.
Trotz toller Animationsarbeit, kollidiert der Klassiker mit viel zu vielen dick aufgetragenem Herzschmerz-Kitsch und nervtötenden Gesangseinlagen, was den Zuschauer vor Pein schaudern lässt. Das sind dann solche Momente, wo man den Disney-Langfilmen erstaunlicherweise mehr Coolness zusprechen kann.

6. Februar 2012

THE ARTIST

Michel Hazanavicius (Frankreich, 2011)
Ein Film wie „The Artist“ hat das unvermeidliche Privileg des unantastbaren Kunstwerks, dem alle Türen offen stehen, um seine Mitstreiter hinter sich zu lassen und sich hochnäsig aufs höchste Podest zu stellen. Seine Andersartigkeit ist beinahe etwas unverschämt, weil er sich mit vollem Gewicht auf die Aura der Nostalgie stützt und mit diesem Stil zu einem unverwundbaren Monster wird. Ein Film, der sich zielstrebig und mit erhobenem Kopf dem Gegenwartskino quer stellt. Er wählt den schonungslosen Weg der Wiederbelebung und der Hommage und tut dies mit Würde und Eleganz.
Seine Geschichte ist auch schnell erzählt, denn er erinnert an eine Tragödie vergangener Filmtage: die Vergänglichkeit der glanzvollen Stummfilm-Ära und wie sie für den Tonfilm Platz schaffen musste. Diese Revolutionierung des Unterhaltungsmediums, an dem viele zweifelten (etwa Chaplin in seinem langen Essay) und an dem noch mehr scheiterten. Man holte neue Gesichter mit Stimmen und ließ die alten stummen Helden selbst entscheiden (wie George Valentin in diesem Film), ob sie sich dieser Erneuerung beugen wollen/können. Wenn nicht, dann ließ man sie fallen, die großen Stars vergangener Tage und sie verkamen langsam aber sicher, abgeschieden in ihren archaischen Luxusvillen, wie schon früher Norma Desmond in Wilders „Sunset Boulevard“.
Der sture George Valentin erleidet das gleiche Schicksal und wird zu alldem von seiner Herzensfrau und Konkurrentin, Peppy Miller überholt, die dem Tonfilm ihren wahren Durchbruch und Ruhm zu verdanken hat.
Michel Hazanavicius soll über 150 Stummfilme konsumiert haben, bevor er an die Arbeit an seinen Film ging; das sieht man natürlich in jeder Sekunde Spielzeit: Der Regisseur weiß diese filmische Periode bis ins kleinste Detail zu kopieren.
Und wenn man „The Artist“ wegen Überstilisierung, fehlendem Eigenleben und der akribischen Wiederholung bloßstellen will, wird er vielleicht trotzdem so manch einem die (Film)Augen öffnen, der bis dahin den echten Stummfilm ignoriert hat. Der größte Wert besteht vielleicht auch darin, bewiesen zu haben, dass der Film als solcher heutzutage immer noch ungewöhnliche Wege einschlagen kann.

5. Februar 2012

DIE PUPPE

Ernst Lubitsch (Deutschland, 1919)
Der Film soll demnächst auch im Wiesbadener Programmkino gezeigt werden. Dank arte kann ich mir diese Vorführung sparen, auch wenn es sicherlich interessant gewesen wäre, ihn mit Livemusik-Begleitung zu sehen.
Erzählt wird die Geschichte des Lancelot, Neffe des Baron de Chanterelle, der gegen seinen Willen zur Heirat gezwungen wird und daraufhin in einem Mönchskloster Unterschlupf findet, nach dem ihm die Flucht vor 40 Jungfrauen gelungen ist. Der Baron lockt seinen Neffen mit 300.000 Francs wenn dieser sich doch zur Heirat überreden ließe. Die gierig-faulen und verfressenen Mönche wittern selbst das Geld und schlagen dem gebeutelten Lancelot vor, sich mit einer Puppe zu vermählen und ihnen die Mitgift zu überlassen.
Lancelot willigt ein, macht sich auf den Weg zum Puppenbauer und entscheidet sich für eine Puppe, die nach dem Ebenbild der Puppenbauer-Tochter erschaffen wurde. Das führt natürlich zu einer haarsträubenden Verwechslungskomödie, heiter und jungfräulich in ihrer Art und doch mit einem modernen Charme erzählt. Gleichzeitig ist der Film eine wilder Rauferei mit der Kirche (die katholische Kritik tobt bis heute) und Lubitsch kratzt vor allem an der Rolle der Frau in einer männer- dominierenden Gesellschaft.
Wie so oft zu dieser Zeit, ist der Film viragiert, um durch unterschiedliche Farbgebung die jeweiligen Handlungsorte zu betonen und wird noch zusätzlich durch eine liebevolle Pappkulisse unterstützt, wie man sie sonst aus dem Theater oder dem damaligen expressionistischen Kino kennt.
Einen Lubitsch sehen zu dürfen, ist immer eine kleine filmische Feierlichkeit. Da erinnert man sich gerne an Billy Wilders Anekdote, wie er bei Lubitschs Beerdigung traurig feststellen musste, dass es nun keinen Ernst Lubitsch mehr gibt, aber was noch schlimmer ist: es gibt keine weiteren Lubitsch-Filme mehr.

2. Februar 2012

J. EDGAR

Clint Eastwood (USA, GB, 2011)
Alle Jahre wieder kriecht der alte Dinosaurier Clint Eastwood aus seiner Höhle heraus und präsentiert uns, was er ausgeknobelt hat, um sein Vaterland mal wieder kritisch zu beäugen. Eastwoods Kino ist in der Regel konventionell und klassisch in seiner Form, aber alte Dinos müssen das Rad ja auch nicht neu erfinden, Hauptsache sie schnitzen ein paar Einkerbungen hinein, damit der Wagen auch mal gerüttelt wird.
Und das gelingt in "J. Edgar" immerhin. Eastwood beleuchtet zwar Hoover als öffentliche Figur, richtet aber seinen Blick bewusst auf den FBI-Chef/Gründer als Privatperson. Dabei ist nichts anderes herausgekommen als das Portrait eines egozentrischen Popstars, der Hoover nun mal war, mit all seinen menschlichen Eigenarten, auf die sich jeder seiner Mitmenschen einlassen musste, wenn er mit ihm auf längere Sicht privat oder beruflich auskommen wollte/musste.
Dass der Film sein Augenmerk auf Hoovers mögliche homosexuelle Neigung richtet (und das manchmal wirklich etwas zu aufdringlich), sorgt angeblich schon für Schlagzeilen und selbst Hoovers Verdienste im modernisierten Kampf gegen das Verbrechen werden von Clyde Tolson (der Associate Director der FBI und eine angebliche Affäre von Hoover) als halb-wahre Phantastereien und Prahlereien enthüllt, die Hoover lediglich zu seiner Popularität verhelfen sollten.
Je länger der Film geht, desto mehr wird J. Edgar demaskiert, bis er schließlich wirklich vollkommen nackt (und tot!) neben seinem Bett aufgefunden wird.
Der Weg des engagierten Kinos ist bei Eastwood schon längst festgefahren und das Ergebnis ist immer solide, vom guten Handwerk und anregenden Storytelling beherrscht. Von Meisterwerken ist er irgendwie immer noch weit entfernt; er bleibt der gute Handwerker.