27. Oktober 2010

DER GOLEM, WIE ER IN DIE WELT KAM

Paul Wegener (Deutschland, 1920)
Endlich: Wegeners Klassiker auf großer Leinwand und mit Live-Pianobegleitung von Uwe Oberg, der die meisten Stummfilme Wiesbadener Caligari Kino musikalisch begleitet. Die Illusion ist perfekt: jazzig-klassische Verzierrungen in den Ohren und dazu diese unheimliche Geschichte vor der gewohnten, expressionistischen Filmarchitektur der damaligen Zeit.
Die Häuser des jüdischen Ghettos neigen sich zu allen Seiten, während Rabbi Löw seine Kreatur modelliert, die die jüdische Gemeinde vor dem kommenden Unheil retten soll.
Regisseur Wegener spielt selbst den Mann aus Lehm. Wenn er nach all den Strapazen schließlich das Tor aufbricht, das Ghetto verlässt und ein kleines Mädchen in die Arme nimmt, da merkt man plötzlich wie der Film das symbolische Bild vorwegnimmt, das man aus Whales „Frankenstein“ kennt: die Konfrontation von Mensch und Kreatur, von Unschuld und Monster, dessen Seelenexistenz man hinterfrag. Der Golem, letztendlich bloß ein hilfloses Werkzeug, das sogar von einem kleinen Kind außer Betrieb gestellt werden kann. Ein aufregender Film, oft übertrieben und nicht immer logisch, ein sympathisches Opfer seiner Zeit.

3. Mai 2010

NOUVELLE VAGUE


Das französische Nachkriegskino lag im Sterben; es bot bloß noch Routine, Klischees und abgenutzte Geschichten, in denen leblose, schablonenhafte, charakterlose Charaktere agierten. Das war die Zeit für neue Filmemacher mit frischem Blick und neuer, ungewöhnlicher Ideen.
Truffaut war einer von ihnen und versetzte dem bisherigen kreativen Stillstand des Kinos den ersten wichtigen Fausthieb mit seinem 1954 veröffentlichten Text „Eine gewisse Tendenz im französischen Film“. Der Stein geriet ins Rollen; Godard, Chabrol, Malle, Resnais, Rohmer, Rivette u.a. krochen auch aus ihren Löchern, rollten mit und öffneten uns die Augen.
Eine neue filmische Stilrichtung wurde geboren, grinste und winkte im chicen Anzug und tiefschwarzer Sonnenbrille. Die Nouvelle Vague… ein arroganter, hochnäsiger, barocker Edelmann, ein selbstverliebter Dandy, eine Straßendirne und ein exzentrischer Gauner zugleich. Kühl und distanziert, frech und mit scharfen Messern lauernd. Man spürte als Zuschauer den Stoß in den Rücken und genoss ihn.
Weniger ein Spiegel der Zeit oder das Abbild der damaligen Gesellschaft, als viel mehr das Herumtrampeln auf dem Zelluloid des französischen Nachkriegskinos. Eine Kritik des eigenen künstlerischen Mediums, eine bewusste Auflehnung in radikaler Form, bedingt durch eine bis dahin ungewohnte Spontaneität und Authentizität.
Belmondo, Karina, Léaud, Seberg... die neuen Helden in kleinen Cafes, Bücher lesend, diskutierend, Pläne schmiedend, Leben, Liebe, Tod, Ideale, Waffen und oft schnelle Autos.

Die Bilder sagen den Rest:


25. April 2010

FEDERICO FELLINI - Herz des Kinos

Wenn ihm nichts mehr einfiel, lehnte er sich zurück, machte ein Nickerchen, träumte und verarbeitete anschließend den Traum in seinem Film.
Spielerisch wie ein kleines Kind modellierte er an seiner eigenen Welt, bis sie mit jedem weiteren Film immer vollkommener und individueller wurde. Es gab niemals vergleichbare Bilder in der Filmgeschichte und niemand traute sich, die fellineske Welt in eine Form hineinzupressen, um sie zu reproduzieren, ein Ebenbild zu schaffen. Zu komplex und zu detailreich müsste diese Form sein... unnachahmlich ist sie.
Fellini liebte die Menschen und ihre Geschichten, so unspektakulär sie in Wirklichkeit auch sein mochten. Gestalten in einer Welt aus Theater, Kunst, Traum und Groteske. Und es sind vor allem immer ihre Gesichter. Er zeigte ihr Individuum und ließ sie ihre eigenen Storys erzählen; Frauen und Männer von der Straße, denen wir wahrscheinlich keine Beachtung schenken würden; herausgegriffen aus der Masse. Viele von ihnen sagten nur einen Satz und wurden danach ihrem Schicksal überlassen, trotzdem gehörten sie zur Verzierung des Gesamten.In seinem Werk umarmte er seine Figuren als wären es seine eigenen Kinder und genauso verbeugt er sich vor den Orten, von denen er erzählte. Vor allem seine geliebte Stadt Rom; die schönste und ehrlichste Umarmung, die man sich vorstellen kann. Eine Collage aus alltäglichen Geschehnissen und Beobachtungen; der Kontrast zwischen dem Antiken und dem Modernen und im Mittelpunkt permanent diese wundervollen Leute; jeder ein Freund, ein Clown, ein Künstler, ein Liebender. 
Ein kleines, und doch gigantisches, surreales Universum zusammengesetzt aus nostalgischen Erinnerungen und symbolischer Poesie. Eine unglaubliche, surreale Welt mit dieser permanenten Erinnerung daran, dass jedes Gesicht interessant ist; das „Hässliche“ und das Ungewöhnliche so magisch schön, und um so mehr die Person dahinter. Sich in dieser Welt verlieren zu können, wäre schlichtweg das Größte.

Eine chronologische Erinnerung in Bildern:











24. April 2010

goEast 2010

21.04.10 - 27.04.10, Wiesbaden

Es ist (zum Glück) wieder mal so weit: zum 10. Mal das goEast-Festival in Wiesbaden.
Vom 21.04 bis zum 27.04 verlässt man die Realität, oder versucht es zumindest während der Kinoaufenthalte, und taucht ein, in diese wunderbare, oft exotisch wirkende Filmlandschaft. Filme, die man zum ersten und vielleicht auch zum letzten Mal sieht. Alle Veranstaltungen schön verteilt auf die spannendsten Orte Wiesbadens. (vor allem die Caligari-Filmbühne, das Murnau-Filmtheater, Kulturzentrum Schlachthof, bis hin zum Oma-Cafe Maldaner)
Die größte Kunst dabei ist es jedes Mal, die eigene filmische Spürnase auszufahren und aus dem verworrenen Programmurwald die richtigen Filme rauszusuchen. „Richtig“ heißt dabei: inhaltlich ansprechend, nicht zeitlich überlappend und dass man vielleicht sogar bereits den Regisseur kennt. Ein schweres Aussortierungsverfahren, aber man kann nicht alles sehen. Leider meistens nur sehr weniges.

 
Gesehen und als toll empfunden: 

Oldrich Lipský
LIMONADEN-JOE
Tschechoslowakei, 1964

Juliusz Machulski
SEX
MISSION Polen, 1984

Otar Iosseliani
EIN SOMMER AUF DEM DORF
Georgien, 1975

Otar Iosseliani
DIE GÜNSTLINGE DES MONDES
Frankreich, 1984

Otar Iosseliani
GÄRTEN IM HERBST
Frankreich, 2006

18. April 2010

VAMPYR – Der Traum des Allan Grey

Carl Theodor Dreyer (Deutschland, 1932)
Schemen- und schleierhaft wie eine piktorialistische Fotografie eines frühen Edward Weston wirkt dieser Film. Außerdem Dreyers erster Tonfilm; man merkt wie er noch von diesem neuen Medium und Gestaltungsmittel eingeschüchtert ist, weil der Einsatz von Sprache so extrem sparsam ist. Der Däne drehte in Deutsch, ließ die Darsteller daher ihre wenigen Texte phonetisch lernen.
Der Student Allan Grey macht auf seiner Durchreise einen Zwischenstopp in einem Gasthaus, wo sich herausstellt, dass eine alte Vampirin die Ortschaft terrorisiert.
Beachtenswert ist, dass es ein Vampirfilm ist, der das unmittelbare Grauen bzw. den Vampir in Person fast gar nicht darzustellen braucht und trotzdem einer der stimmungsvollsten Filme aus diesem Genre ist, den ich je gesehen habe. Wobei sicherlich auch die schlechte, abgenutzte Kopie des Films dazu beiträgt; die Audiospur ist ein tiefer Ozean an dumpfem Rauschen, die Dialoge daher tief verborgen und kaum verständlich. Das Bild, als würde man durchgehend eine Nebelmaschine darauf richten. In dem Fall bleibt zu hoffen, dass der Film niemals restauriert wird, sonst raubt man ihm einen erheblichen Teil seiner Atmosphäre.  
Ein Genrefilm, den ich schon viel früher hätte sehen sollen, denn mit Murnaus „Nosferatu“ bilde er vermutlich die beiden Eckpfeiler für alles was danach kam.

6. Februar 2010

OTHELLO

Orson Welles (USA, Italien, Frankreich, 1952)
Kein Shakespeare-Fan, doch wenn der dicke Orson (damals noch nicht ganz so dick) etwas in die Hände nimmt, wird das meiste zu Gold, oder verdient zumindest Beachtung. Und seine Othello-Verfilmung sowieso. Das besondere an Welles’ Filmen: schon nach wenigen Bildern weiß man, dass es ein Welles-Film ist, weil er seine Kamera immer da hingestellt hat, wo es sonst kein anderer Mensch tun würde; vermutlich irgendwo ganz tief auf dem Boden liegend, so dass jeder auf dem Set darüber stolperte.
Egal, deswegen sind die Bilder so groß, die Blickperspektiven dämonisch und einschüchternd. Schnitte, Bildkompositionen, Reduktion auf Silhouetten, Licht- und Schattenspiele, die Art wie Darsteller ins Bild ragen... das alles erinnert an Eisenstein. „Alexander Newski“ und das ganze historische Zeug.
Insgesamt eine schöne Adaption, und vielleicht auch etwas eigenwillig, denn die zu erwartende bühnenstück-ähnliche Ästhetik, bei der sich uns die Charaktere aufdrängen würden, tritt eher zur Seite und macht Platz für einen Film, der auf die Kraft seiner Bilder setzt, aus denen man sich das eigentliche Drama zusammensetzen darf. Shakespeares expressionistischer Tanz.

20. Januar 2010

ROCCO UND SEINE BRÜDER

Luchino Visconti (Italien, 1960)
Die vier Brüder Parondi kommen zusammen mit ihrer Mutter aus der italienischen Provinz ins pulsierende Mailand, um ihren Bruder Vincenzo zu besuchen, bzw. ein neues Leben zu beginnen, in dem sie sich erstmal an ihn klammern und um seine Unterstützung betteln.Doch mit Jobs sieht es erstmal düster aus. Die erste Beschäftigung bleibt trotzdem die malerischste: die Mutter (der zentrale Punkt der Familie, die alle zusammenhält) weckt früh morgens ihre Söhne auf, denn es schneit draußen vor dem Fenster. Schneeschaufeln ist angesagt. Die Jungs stehen auf, bekommen von Mama das Frühstück serviert, freuen sich über das Wetter und die Möglichkeit etwas zu verdienen. Das hat etwas sehr gemütliches, wenn sie in der engen Untergeschoss-Wohnung sitzen und der Schnee an den kleinen Fenstern vorbeifliegt.  
Im Verlauf der Geschichte versuchen sie sich am Boxkampf und an Frauen; bei beidem feiern sie Erfolge oder scheitern elend, jeder auf seine Art. Aufstieg und Fall, Faustschläge zwischen Brüdern, Mord aus Eifersucht.
Und Visconti rüttelt auch an der Kirche: zeigt eine Prostituierte, die beim Spaziergang auf einem Kirchengebäude über Selbstmord redet und sich am liebsten hinunterstützen würde. Großes Sozialdrama des späten Neorealismus. Pessimistisch und unverfälscht zeigt es die Schicksale eines Neuanfangs, wie eine Familie als starke Einheit zerbröckeln kann.

15. Januar 2010

JE T’AIME

Serge Gainsbourg (Frankreich 1974)
Irgendwie schön. Wenn auch etwas planlos inszeniert. Zuerst dachte ich an Antonionis Filme, denn hier wird auch nicht so viel gesprochen; die Charaktere haben erstmal mit ihrer Umgebung zu kämpfen, dann miteinander und schließlich mit sich selbst.
Die Locations drängen sich immer auf: Schrottplätze, Autoraststätte, enge Zimmer, Villen, Natur.  
Die Geschichte ist simple: zwei homosexuelle Müllwagenfahrer und auf einmal eine Frau (Jane Birkin) dazwischen. Sie fühlt sich zu einem der beiden hingezogen, es kommt zur Eifersucht und führt zum Mordversuch.
Witzig: Manchmal taucht auch noch der junge (auch homosexuelle) Depardieu auf und reitet auf einem Schimmel durch die Gegend. Einem der zwei Jungs läuft das Wasser im Mund zusammen.
Birkin diesmal ganz burschikos; auf eine andere Weise interessant als damals in „Blow Up“. Eigentlich ist es auch eine Art Musen-Film vom alten Gainsbourg; die Kamera (und somit unser Auge) immer an seiner Hauptdarstellerin klebend. Und scheinbar war er einer von den Künstlern, die gerne ihre eigene Frau anderen Partnern „ausleihen“ und dabei passioniert zuschauen. Was (und an welchen ungewöhnlichen Orten) dabei rauskommt, sehen wir hier.Sieben Jahre vor dem Film haben Gainsbourg & Birkin mit ihrem Song "Je t'aime moi non plus" einen Skandal provoziert. Vielleicht ist das hier dann in gewisser Weise der Film zu Song. Zumindest ein weiterer Skandal. Die Presse schrie auf, Truffaut und andere verteidigten den Film. Und jetzt haben wir diesen kleinen Kultfilm.

14. Januar 2010

ENGEL DER VERLORENEN

Akira Kurosawa (Japan, 1948)
Und schon wieder was gutes von Akira. Und außerdem die erste Zusammenarbeit vom Meister und seinem treusten Diener Toshiro Mifune, der hier noch seine Samurai-Rüstung zu Hause gelassen hatte, die er aber später fast nie mehr ablegte. Ich erkannte ihn nicht auf Anhieb. Gerade deswegen. Und weil er noch jung, frisch und munter aussieht.
Es geht um einen Arzt im Nachkriegsjapan, der in einer lumpigen Großstadtgegend praktiziert, und der selbst mit einem Alkoholproblem zu kämpfen hat. So versucht er den todkranken Gangster (gespielt von Mifune... vielleicht hat paar Jahre später James Dean diesen Film öfters geschaut) wieder auf die Beine zu stellen. Doch Mifune ist ein stolzer Pfau; er gibt nicht zu, dass es ihm schlecht geht.
Und vor dem Haus dieser ewig blubbernde, dreckige Stadtsumpf, der ständig in Nahaufnahmen zwischen den Sequenzen gezeigt wird. Er fault vor sich hin und stinkt, wie die Bewohner dieser trostlosen Gegend.
Es geht ums nackte Überleben. Wie immer mit viel Theater und großen Gesten. Ein schönes Frühwerk.

8. Januar 2010

DIE SCHWARZE NARZISSE

M. Powell, E. Pressburger (Großbritannien, 1947)
Relativ erwartungslos ging ich an die Sache heran und staunte schließlich mit riesengroßen Augen über die visuelle Wucht dieses Filmes. Kein verstaubter Stinkstiefel der 40er, oder ein simpler Nonnenfilm, denn hier überrumpeln einen lawinenartig die großen Bilder.
Das Kino besteht aus Bildern. Sollte es zumindest. Doch warum tut es das so selten? Diese Frage stellt man sich automatisch, wenn man Powells und Pressburgers Werk sieht. Keine Ahnung, wo die Kamera da überall stand, um diese Berglandschaften mit ihren rätselhaften Perspektiven und teuflischen Schluchten festzuhalten. Gott selbst muss das von oben gefilmt haben; lässt sich nicht anders erklären, weshalb dieser alte Film so überirdisch fotografiert ist.
Und auf die Knie falle ich noch vor Kathleen Byron als die neurotische Schwester Ruth. Einen Filmcharakter, der dermaßen dämonisch wirkt, habe ich selten gesehen. Nicht bloß dieses hypnotisierende Gesicht, das sich mit seinem Blick in den Zuschauer hineinbohrt, sondern auch später ihre raubtierhaften Bewegungen während der Verfolgung ihres Opfers (der Ordensschwester); nur eine geisterhafte Silhouette für den Bruchteil einer Sekunde, wie sie eine Treppe hinaufläuft.
Das sind ganz große Momente des Kinos; Andeutungen, Reduktion und Verzicht, gepaart mit dem Vorwissen des Zuschauers und meisterhafter Fotografie.
Ein kleiner Film von großer Optik. Ein Kameramann zum Verlieben.