8. November 2009

BLACK MOON

Louis Malle (Frankreich, 1975)
Ein Film, der sich konsequent seinem Zuschauer verweigert. Von einer dicken Mauer umschlossen, schmollt er, wird launisch, trägt seine Nase hoch, lässt nichts rein und nicht raus. Und ärgert einen. Von vorne bis hinten.
Das Mädel, das durch diesen labyrinthischen Nonsens herumirrt, ist natürlich eine Alice-Figur. Sie flüchtet von der Realität (einem Bürgerkrieg) in ein abgelegenes Anwesen (eine Phantasiewelt), doch hier stellen sich neue Probleme und Hindernisse in den Weg; hier gibt es sprechende Blumen, die sich beklagen wenn man sie zertritt, nackte Kinder, mit einem Schwein im Garten, eine alte bettlägerige Frau, die in einer unbekannten Sprache mit einer Ratte redet und mit der Brust gestillt werden muss, und das Pony-Einhorn im Garten; immer auf der Flucht und nie wirklich zu erreichen, wie das Alice-Kaninchen. Man mag sich verbarrikadieren, sich in die hinterste Ecke einer tiefen Höhle zurückziehen, doch die Realität holt einen immer ein. Oder so ähnlich.
Die Bilder zu diesem süßlichen Wirrwarr lieferte übrigens Sven Nykvist, Bergmans Haus-Kameramann, der Mann mit dem ewig richtigen Blick, der immer weiß, wo er seinen Apparat aufstellen soll. Mit Bergman hat das ganze jedoch wenig zu tun. Wenn überhaupt, dann gibt es eine inhaltliche Ähnlichkeit im Anfangsteil: In Bergmans „Schande“ gab es auch eine Flucht vor einer rätselhaften, militärischen Oberhand, die eines Tages die eigene Heimat besetzte. Bloß dient das bei Malle lediglich als Auslöser, um die Protagonistin in diese „andere“ Welt zu schicken.
Malles Film ist vielleicht wirklich ein Märchen. Dann aber eins dessen einzelne Worte man zu unzähligen Schnipseln zerschneidet, durchgemischt und wieder zusammengefügt hat.

18. Oktober 2009

TAGEBUCH EINER KAMMERZOFE

Luis Buñuel (Frankreich, 1964)
Wieder einer dieser Filme, dessen jede Kameraeinstellung man sich am liebsten einrahmen und über's Bett hängen würde. Denn was gibt es schöneres, als ein schwarzweißer 16:9-Film mit solch brutal schönen Helldunkel-Kontrasten und einem solchen Graustufen-Paradies; wie ein perfekter Blumenstrauß, aber in S/W. Und wenn Moreau dann hinausgeht, in den Garten, in die Landschaft.. und man am Horizont ganz zart diese nebligen Wälder sieht, die vielen Tiefenebenen, dann das Haus, davor die Menschen: ja, da würde man gerne alle Farbfilme für alle Ewigkeit zum Teufel jagen. Die Größe von dem Film liegt vielleicht auch darin, dass trotz der Bedrohung, die ständig in der Luft liegt, es Bunuel dennoch geschafft hat, das ganze in so eine Idylle zu verwandeln: das Haus auf dem Lande, ein Mädchen das im Wald Schnecken sammelt (meine Lieblingsszene!), die neue Kammerzofe, die neugierig dieses neue Leben mit den neuen Menschen beobachtet. Auf den ersten Blick denkt man überhaupt nicht an einen Film, der auch politische Dinge aufgreift, sondern an eine gemütliche, liebevolle Geschichte von nebenan.

1. September 2009

THERE WILL BE BLOOD

Paul Thomas Anderson (USA, 2007)
Sobald im allerersten Bild der mächtige Berg mit J. Greenwoods meisterhafter Musik visuell aufheult, weiß man dass in diesem Film nichts mehr schief gehen wird und dass man in völliger Sicherheit gewogen ist. Direkt danach folgt die wohl narrativ beste Anfangssequenz seit ewig langer Zeit. Ein völliger Verlass auf die Kraft der Bilder; ganz ohne Worte. Es kann sich problemlos aneinanderreihen an den Anfang von Leones „Spiel mir das Lied...“ oder Wells’ „Kane“. Ein Kino, für das man ewig dankbar ist. Eine Bestätigung, dass selbst nach der Zeit von „New Hollywood“ immer noch wahre Monster aus Hollywood auf uns Zuschauer losgelassen werden können. Das erzählerische Gerüst ist hier flüssig und heißt Öl. Ein schwarzer Fluss, an dessen Oberfläche verschiedene Themen und Dramen nach Luft schnappen... Habgier, Erfolg, Macht, Glaube, Lüge, Ausbeutung, falsche Brüder, verlorene Söhne und Väter... Ein großer Film. Ein sehr großer Film. Dunkel und majestätisch, wie ein zu spät aufblühendes Gemälde der romantischen Epoche. Oder wie es der Film selbst zeigt: Wie eine Wachteljagd bei grauem Himmel.

29. August 2009

ZWISCHEN FEUER UND ASCHE

Andrzej Wajda (Polen, 1965)
Da kommt Andrzej Wajdas Film, den Hügel hinuntergaloppierend, mit Bildern von solcher Wucht wie nur selten davor und danach; macht alles dem Erdboden gleich; attackiert den Zuschauer von allen Seiten... lässt eine Axt schwingen und zerschlägt alles was ihm im Wege steht. Dieser Film wurde nicht mit Kameras gedreht, sondern mit echten Kriegskanonen; Wajda bombardiert seine Schauspieler gnadenlos, so tun sie was er will, in Höchstqualität. Sie lieben, sie töten, sie vergewaltigen, versuchen zu überleben, kämpfen sich ihren Lebensweg hoch, werden Helden, sterben wie Hunde. Das bemerkenswerte: es ist ein Wajda-Film und doch wie ein guter Cotail verschiedener Einflüsse: die Energie, Wildheit und Authentizität eines Kurosawa, das perfekte Gespür für Traumsequenzen eines Bergman, der Ansatz für den Inszenierungswahnsinn von Kriegsszenen eines Bondarchuk, die Poesie der Charaktere italienischer Meister und natürlich alles das von einem Polen gut geschüttelt: das Düstere, das Mystische der Landschaften und seiner Leute, das entschlossene Handeln, trotz des permanenten Hintergedankens an eine Ausweglosigkeit. Mitten drin Daniel Olbrychski; der polnische Brando, DeNiro in einem; hier auch ein wenig an den jungen Depardieu aus „1900“ erinnernd. Und Wajda riskiert viel; er lässt ein lebendes Pferd ohne Tricks eine hohe Klippe herunterfallen. Er jagt hunderte von armen Teufeln durch Wälder, Sümpfe, Felsen und brennende Ruinen; die Kamera immer als unmittelbarer Begleiter. Dieser Film wirkt wie der einzige echte Reportage über Napoleons Zeit. Kein Film,... ein ganz fieser Trick, über den man sich den Kopf zerbricht.

27. September 2005

DER GARTEN DER FINZI CONTINI

Vittorio de Sica (Italien, 1970)

Und wieder ein sehr guter Film über den italienischen Faschismus, der sich ohne Bedenken zwischen Bertoluccis „Der große Irrtum“ und „1900“ einreihen kann, sogar Dominique Sanda ist wieder in der weiblichen Hauptrolle mit dabei; jetzt schon zum dritten Mal; eine wahre Spezialistin in dieser Thematik. Außerdem noch Helmut Berger und Romolo Valli, den man auch aus „1900“ kennt. Der Faschismus am Beispiel einer jüdischen Aristokratenfamilie in Ferrara, die zunächst glaubt, in ihrer eigenen Welt sicher zu sein, anstatt die Geschehnisse als Signal und Warnung wahrzunehmen. Schön auch, wie hier mit der Zeit umgegangen wird: die Chronologie wird durch kurze Rückblenden an die glückliche Jugendzeit zerstückelt; die gleichen Orte, die gleichen Menschen.... einst in der Schulklasse sitzend und später im gleichen Raum, an den gleichen Schulbänken von den Faschisten als Politischverdächtige und Juden zusammengepfercht, auf ihr Schicksal wartend. Oder das Verhältnis zum Materiellen, zum Besitz, zu den Mitmenschen... wenn die Familie schließlich „abgeholt“ wird, ihre Villa, ihr Heim verlassen muss; ein letzter Blick auf das Haus durch die Heckscheibe des Autos; ein letzter Blick auf den ahnungslosen Hund, den man so sehr liebte, nur ganz kurz beim Vorbeifahren registriert, für immer verlassen.

9. September 2005

BROKEN FLOWERS

Jim Jarmusch (USA, 2005)
Das düsterste was Jarmusch bis dahin abgeliefert hat. Vielleicht wurde dieses bedrückende Gefühl zusätzlich durch den traurigen Fakt bestärkt, dass ich damals einen hochgelobten und preisgekröntenFilm in einer 5-Mann-Kinovorführung sehen durfte; und das bei der Premiere! Aber zum Film: ein Jarmusch, in dem es wenig zu lachen gibt. Ein Jarmusch, in dem die grotesken Figuren entweder eine echte Rarität sind oder nur auf sparsame Weise, und wenn, dann ist das Groteske an ihnen nur noch traurig, real und nicht mehr aus einer poetisch-verstaubten, tragisch-komischen Kneipen-Kabarett-Künstler-Unterwelt stammend. Der Protagonist ist zwar interessant, weil er völlig uninteressant ist; ein Mann ohne Eigenschaften, oder der sie längst verloren hat. Irgendwie fehlen hier aber die großen Schläge der echten Beatnik-Herzen, welche sonst die Jarmuschwelt ausmachen. Sicher: das Konzept ist auch anders; der Held ist und war nie ein Kreativer und auch keiner, der sich wirklich gerne auf seine Odyssee begibt. Und Jarmusch muss aufpassen: sein Stil, den er immer mehr zu perfektionieren versucht, nämlich der absolute Minimalismus ist an der Schwelle zum Manierismus.Trotzdem immer noch ein sehr guter Film, in dem fast jede Sequenz offengelassen wird, ins Leere läuft, wo mehr Fragezeichen stehen bleiben, als direkte Antworten geben werden.Und ja, es gibt tatsächlich direkte Parallelen zu Wenders' "Don't Come Knocking": auch hier der alternde Mann auf der Suche nach sich selbst, nach seinem erwachsenen Sohn und der Geliebten von damals. (in beiden Filmen Jessica Lange). Da fragt man sich doch fast, wer von beiden (Jarmusch oder Wenders) so unverschämt war?

22. November 2004

DER ERFOLGREICHE

Lindsay Anderson (Großbritanien, 1973)

Was mich doch sehr verwundert, wie selten doch Lindsay Andersons Meisterwerk "O LUCKY MAN!" (deutsch: „Der Erfolgreiche“) an die Oberfläche geholt wird. Bisher fiel in keinem Filmforum ein Wort darüber, oder ich habe zu ungenau gesucht. Auch sonst wird über den Film hinweggesehen; ich nehme stark an, dass er zu seiner Zeit einen großen Stellenwert hatte. Ein Kult drum herum, der bis heute andauern könnte, blieb aus. Unverständlich.  
Dabei ist es ein solch wichtiger Film; einer der dem Zuschauer das Herz herausreißt und darauf herumspringt. Ein Film, dessen glühend pulsierende Story alles dem Erdboden gleichmacht. Ein Film, der schockiert, kritisiert, belächelt, zum lachen reizt, die Augen öffnet, das Hirn lüftet und mit neuen Ideen und Erfahrungen füllt. In keinem anderen Film gab es ein solch perfektes Zusammenspiel von Bildern und (Rock)Musik, die sogar in einander überlaufen und zum Gesamtkonzept werden (Hut ab vor Alan Prices großartiger Songs; dessen Soundtrack ich gerade im Auto habe). Und selten in einem Film hat der Teufel so deutlich und greifbar gesungen und getanzt. Ein Film der dir den Mittelfinger zeigt und eins in die Fresse haut; gleichzeitig so viele herzhafte Momente bereithält. Und wäre das alles nicht schon genug; seine wahre Stärke liegt darin, den Zuschauer permanent in die Irre zu führen; in jeder kommenden Szene muss man auf das unmöglichste gefasst sein. Ständig starke Plots, die den Protagonisten immer tiefer in die Hölle jagen. 
Malcolm McDowell, der arme Hund, Zielscheibe, Opfer, wie ein Irrer landet er von einer Perversion in die nächste. McDowells Charakter erinnert ein wenig an seinen in „Clockwork Orange“; für mich ist jedoch „O LUCKY MAN!“ noch um einiges interessanter und bewusstseinserweiternder. Jedenfalls zur Zeit. Sogar McDowell selbst findet seine Zusammenarbeit mit Linday Anderson als das beste, was er je gemacht hat. Und vor allem ist das ein Film, den ich viel zu spät entdeckt habe (genauso wie seinen Vorgänger „IF“) Dieser Film ist des Teufels filigranster Tanz. Das beste seit langer Zeit.

25. Juli 2002

INTERVISTA

Federico Fellini (Italien, 1987)
Kann es etwas schöneres geben als die Erinnerung an „La Dolce Vita“ auferleben zu lassen, dazu Anita Ekberg einen Besuch abzustatten, die inzwischen die Ausstrahlung einer in die Jahre gekommenen Atombombe hat? „Sie sieht umwerfend aus, wie ein Gladiator.“ Wie Mastroianni selbst bemerkt. Dann die durch einen Zauber geschaffene Leinwand aus einem Lacken und die darauf projizierten, klassischen Dolce Vita-Szenen; unter diesen Verhältnissen noch effektiver als das Original.  
Das ist aber nur ein kleiner Teil von Fellinis „Intervista“, seiner Liebeserklärung an seinen Weg zum Film, sein eigenes filmisches Schaffen, den Chaos und den Traum. Abgesehen davon viele Gesichter... Gesichter und noch mal Gesichter; das Individuum im Gewirr der Masse. Ein Portrait über das Entstehen eines Films; ein brüllender ewig unzufriedener Regisseur, falsche Bombendrohungen, Telefonfurze, der fehlende Faschist, ein mumienartiges Etwas auf dem Fahrrad und nicht zu vergessen am Ende der Angriff der Indianer mitten im regnerischen Cinecitta auf das Filmteam. Ein Film, im Film, im Film; laut und wild, aber dennoch nicht überladen. Und Mastroiannis Statement zur Selbstbefriedigung: „Eine Übung, die nicht nur die Konzentration steigert und die Vorstellungskraft anregt, sondern meiner Meinung nach auch einer eventuellen schriftstellerischen Begabung förderlich ist... ich zum Beispiel brachte es zu regelrechten Fortsetzungsromanen.“

21. Juli 2002

STARDUST MEMORIES

Woody Allen (USA, 1980) 
Stark anlehnend an Fellinis Kino (besonders an dessen „8 ½“) spielt Woody einen Regisseur (warum auch nicht), der vom Publikum und seinen Mitmenschen sein eigenes filmisches Werk aufgezwungen bekommt, und zwar in so fern, als dass ausschließlich die Erwartungen der Fans befriedigt werden sollen, er selbst jedoch das Ziel hatte, keine komischen Filme mehr zu machen.  Jedes mal bekommt er den gleichen Satz zu hören: „Wir lieben deine Filme, besonders die alten; die lustigen.“ Es besteht für ihn nicht die Möglichkeit, seine Wandlungsfähigkeit als Regisseur dem Publikum vorzuführen; nicht mal die Außerirdischen unterstützen ihn in seinem Vorhaben. In seiner traumhaften Begegnung mit jenen Wesen wird er erneut mit der gleichen Vorliebe, was seine Filme angeht, konfrontiert. Sogar die Außerirdischen sind der gleichen Meinung: „Wir lieben deine Filme, besonders die alten; die lustigen.“ heißt es wieder. Eine amüsante Szene. 
Woody verarbeitet hier sogar auf humorvolle Weise seine Einstellung zum Oscar. Als er gegen Ende der Geschichte kaltblütig erschossen wird, (von jemandem, dem wahrscheinlich seine Arbeit nicht sonderlich gefallen hat), hört man ihn irgendwann bei einer Preisverleihung sagen: „Ich tausche den Oscar gegen eine Sekunde meines Lebens.“  
Und überhaupt wird die innere Handlung durch eine fabelhafte Inszenierung ergänzt. Gerade am Beispiel von „Stardust Memories“ kann man wirklich von einem Schwarzweiß-Film sprechen; die starken Helldunkelkontraste sind oftmals so messerscharf, die Grenzen von Hell und Dunkel enden so abrupt, dass sie alle Grautonwerte verdrängen, ihre Entstehung nicht mal zulassen. Unheimlich und endlos wirkt dadurch das weiße Rauminnere von Woodys fiktiver Wohnung mit seinen übergroßen fotografischen Motiven an den Wänden, die uns als erstes ins Auge stechen. Sehr interessant sind die vielen strengen, horizontalen Linien, die den Film prägen; schwarze Streifen, die bis zu einer bestimmten Höhe in den Bildhintergrund hineinwachsen und einen Kontrast zur vertikalen Person im Vordergrund bilden. Ähnlich wie auch die kurze Aufnahme vom Meer, vom Horizont und dem Elefanten in der Ferne. 
Besonders auffallend ist wieder mal die herausragende Wahl der Darsteller; nicht nur was die Protagonisten angeht, sondern auch die unzähligen Gesichter im Hintergrund; meistens Menschen, die zu den oft auftauchenden Mengen während der Partys, Filmverleihungen uns sonstigen Veranstaltungen zählen. Hierbei erinnere ich mich erneut an „Fellinis Faces“: Eine große Anhäufung von Gesichtern, die trotz ihrer Masse individuell bleiben; nicht nur was Gesichtszüge angeht, sondern auch in dem, wie man selbst sein Äußeres beeinflussen kann. Und wenn ich schon bei Gesichtern bin: Kann man sich überhaupt für die weiblichen Charaktere etwas vollkommeneres vorstellen als Charlotte Rampling, Jessica Harper oder Marie-Christine Barrault, die darüber hinaus überirdisch schauspielern? (Ich erinnere mich an die lange Einstellung, wie Charlotte die Illustrierte durchblättert und ab und zu in die Kamera lächelt.) Wohl nicht.

21. April 2002

CINEMA PARADISO

Giuseppe Tornatore (Italien, 1988)
Tornatore möchte jedes Mal ein Fellini sein, weiß aber anscheinend nicht, dass es ein Ding der Unmöglichkeit ist. Träumen kann er weiterhin davon, denn gerade diese Wunschvorstellung, das Fellineske zu erstreben, zeichnet seinen Film aus.  
Das Kino, der Zufluchtsort, der Filter für alle äußerlichen Ängste und das Herz des Filmes, ist somit der Träger für die ganze Geschichte; ein schön ausgewählter Mittelpunkt, ein Film im Film, eine Hommage an das Kino und gleichzeitig eine Erzählung über das Leben an sich. Das Kino als Ort der Zusammenkunft; Menschen, die lachen, weinen, verzaubert werden, schlafen, Kinder gebären, masturbieren, oder Anschlagopfer werden. Und natürlich die Zeit, die alles Vergehen lässt und die Menschen samt Kinosaal zerstört.Trotzdem hat man den Anschein, Tornatore konzentriere sich mehr darauf, in einer Retrospektive seine Lieblingsfilme über die Leinwand laufen zu lassen, anstatt wirklich die Aufmerksamkeit auf das Geschehen im Kinosaal zu richten. So werden uns die kleinen Anekdoten zwar bewusst, aber bleiben eben schleierhaft mit der Ausdruckskraft einer zweiten Ebene. Gerade bei jenen Kinogeschehnissen sehnt man sich nach Fellinis Handschrift.  
Wenn man jedoch Ennio Morricone als Hauskomponisten hat, glänzen die Bilder aufeinmal wie Diamanten und der narrative Karren wird aus dem Dreck gezogen. Aus Scheiße wird Gold, ohne Kritik an die Bilder dieses Filmes üben zu wollen.  
Und natürlich das Ende, als der inzwischen erwachsene Protagonist die Filmcollage aus den Kussszenen bekommt, die früher auf Grund der Zensur der Schere zum Opfer fielen. Übrigens eine zu dick aufgetragene, fast pathetische Szene; eher zum Schmunzeln als zum Mitweinen. Aber es hat immerhin erneut diesen sentimentalen Tornatore -Charakter; viel Zeit und vor allem viele Filme galoppieren einem durch den Schädel, und von nichts anderem erzählt „Cinema Paradiso“ als von der Leidenschaft zu bewegten Bildern; vom Kino, dem Zufluchtsort als scheinbar zweckmäßig konstruiertes Paradies, und von diesem unaufhaltsamen Zeitvergehen.  
Das ist alles schön und nett, aber eben nicht mehr. Und Tornatore der ewige Fellini für die ganze Familie.